Erneuerbare Energien auf Teneriffa – Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Energiewende ist auf den Kanarischen Inseln nicht nur ein klimapolitisches Ziel, sondern eine geostrategische Notwendigkeit. Als Inselarchipel mit hoher Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen steht Teneriffa – die größte und bevölkerungsreichste Insel der Kanaren – vor besonderen Herausforderungen. Dieser Bericht analysiert die aktuelle Situation, die jüngsten Fortschritte und die ehrgeizigen Ziele für die erneuerbare Energieversorgung Teneriffas.

1.        Die Ausgangslage:   Hoher Verbrauch, hohe Abhängigkeit

Teneriffa nimmt eine Schlüsselrolle im Energiesystem der Kanaren ein. Im Jahr 2024 erreichte die auf der Insel verfügbare elektrische Energie für den Endverbrauch 3.372 GWh – ein Anstieg um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert aller sieben Inseln .

Gleichzeitig ist die Insel nach wie vor stark von fossilen Brennstoffen abhängig. Rund 80 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs in den Kanaren werden durch Erdölprodukte gedeckt – insbesondere im Verkehrssektor . Teneriffa repräsentiert dabei etwa 43 Prozent des gesamten Brennstoffverbrauchs des Archipels .

Die Stromerzeugung wird dominiert von konventionellen Kraftwerken. 2023 basierte die thermische Erzeugung auf Teneriffa zu etwa 66 Prozent auf GuD-Kraftwerken (Gas- und Dampfturbinen), was zwar emissionsintensiv ist, aber im Vergleich zu älteren Technologien die relative Emissionsintensität mildert . Die geschätzten THG-Emissionen Teneriffas aus der thermischen Stromerzeugung beliefen sich 2023 auf 2.012 kt CO₂-Äquivalent – der höchste Wert im Archipel . Der spezifische Emissionsfaktor für Teneriffa betrug 0,618 kt CO₂-Äquivalent pro GWh – über dem kanarischen Durchschnitt von 0,611 .

2.     Der Stand der Erneuerbaren:   Fortschritte mit Bremsspuren

Die erneuerbaren Energien deckten auf Teneriffa 2024 19,3 Prozent der gesamten eingespeisten Elektrizität . Damit liegt die Insel leicht unter dem kanarischen Durchschnitt von 20,8 Prozent .

Die absolute Produktion erneuerbarer Energien auf Teneriffa betrug 2024 762,8 GWh, was 35,8 Prozent der gesamten erneuerbaren Produktion der Kanaren entspricht – ein Anstieg um 2,8 Prozent gegenüber 2023 . Die Verteilung gestaltet sich wie folgt:

Technologie

Anteil an erneuerbarer Produktion

Installierte Leistung

Windenergie

67,4 % (508,9 GWh) 

227,3 MW 

Photovoltaik

31,5 % 

2.1        Windenergie – Das Rückgrat der erneuerbaren Erzeugung

Die Windenergie ist der unangefochtene Spitzenreiter unter den Erneuerbaren auf Teneriffa. Mit 227,3 MW installierter Leistung ist die Insel nach Gran Canaria der zweitgrößte Windenergiestandort des Archipels . Die gesamte Windkraftleistung wird derzeit vollständig ins Netz eingespeist .

Ein zukunftsweisendes Projekt ist die geplante Repotenzierung der Windparks in Granadilla de Abona. Das Cabildo de Tenerife, das Institut für Technologie und Erneuerbare Energien (ITER) und Enel Green Power haben ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, um die bestehenden 28 Aerogeneratoren durch fünf moderne, leistungsstärkere Anlagen zu ersetzen . Ziel ist es, bei geringerem Flächenverbrauch die Energieeffizienz zu steigern und die Lebensdauer der Anlagen zu verlängern. Wie der Innovationsrat Juan José Martínez betonte: „Mit weniger Windrädern werden wir mehr Energie und weniger Umweltbelastung erreichen“ .

2.2      Photovoltaik – Der wachsende Player

Die Photovoltaik verzeichnet das größte Wachstum, insbesondere im Bereich des Autoconsumo (Eigenverbrauch). Die Zahl der installierten Anlagen stieg von 46,5 MWn im Jahr 2023 auf 66,4 MWn im Jahr 2024 – ein Zuwachs von 42,8 Prozent . Bis Dezember 2025 waren bereits über 8.800 Anlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 86 MWn registriert .

3.    Die große Chance:   Geothermie als „Lottogewinn“

Ein vielversprechender und potenziell revolutionärer Ansatz ist die Erschließung der Geothermie. Auf den Kanarischen Inseln, die vulkanischen Ursprungs sind, ist ein „Wettlauf“ um die erste geothermische Anlage entbrannt – auch auf Teneriffa .

Der Präsident des Konsortiums für Geothermie auf den Kanarischen Inseln, Juan José Martínez, bezeichnete die Geothermie als „Lottogewinn für Teneriffa“ . Die Nutzung der Erdwärme könnte einen echten Sprung zu einem nachhaltigen und stabilen Energiemodell ermöglichen – mit minimalem Einfluss auf die Landschaft. Dies ist besonders wertvoll, da die flächenintensive Nutzung von Wind- und Solarenergie auf der begrenzten Inselfläche an ihre Grenzen stößt.

Nachdem Erkundungsbohrungen das Potenzial bestätigt haben, ist der Startschuss für das erste geothermische Kraftwerk auf Teneriffa gefallen . Das Projekt umfasst eine Gesamtinvestition von 86 Millionen Euro, von denen die Hälfte vom spanischen Staat und die andere Hälfte aus den EU-NextGeneration-Fonds finanziert wird .

4.  Die Infrastruktur:    Modernisierung für die Energiewende

Die Integration erneuerbarer Energien erfordert ein modernes und leistungsfähiges Stromnetz. Red Eléctrica, der spanische Netzbetreiber, hat kürzlich die neue 66-kV-Umspannstation San Isidro in Granadilla de Abona fertiggestellt . Das Projekt mit einem Investitionsvolumen von 6,8 Millionen Euro (finanziert durch die EU) verbessert die Netzstruktur im Süden Teneriffas und erhöht die Flexibilität, um die Einspeisung erneuerbarer Energien zu ermöglichen und die Versorgungssicherheit zu stärken .

5.    Der Weg bis 2030:    Eine Mammutaufgabe

Das ehrgeizige Ziel des kanarischen Energieministers ist es, den Anteil der Erneuerbaren am Strommix von derzeit etwa 20 Prozent auf 58 Prozent bis 2030 zu steigern . Um dieses Ziel zu erreichen, muss die installierte erneuerbare Leistung in den nächsten fünf Jahren praktisch verdreifacht werden .

Dies erfordert konzertierte Anstrengungen in mehreren Bereichen :

  • Ausbau der Netzkapazitäten, um mehr erneuerbaren Strom aufnehmen zu können
  • Integration von Speichern, wie Batterien oder Pumpspeicherkraftwerken (geplant ist eine Anlage in Güímar für das System Teneriffa-La Gomera)
  • Weiterer Ausbau von Autoconsumound Eigenverbrauchsanlagen
  • Schaffung von „Zonen für die Beschleunigung erneuerbarer Energien“, um Projekte mit geringerem Konfliktpotenzial zu identifizieren

6.  Fazit und Ausblick

Teneriffa steht an einem kritischen Punkt seiner Energiegeschichte. Die Insel hat die Notwendigkeit der Energiewende erkannt und arbeitet an mehreren Fronten daran, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Die Windenergie ist ein etablierter, wenn auch ausbaubarer Pfeiler, und die Photovoltaik wächst rasant. Die Erschließung der Geothermie als grundlastfähige, saubere Energiequelle könnte der entscheidende Durchbruch sein.

Die größten Hürden bleiben die Modernisierung der Netzinfrastruktur, die Integration von Speichertechnologien und die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Teneriffa den Spagat schafft, den wachsenden Energiehunger der Insel mit den ambitionierten Klimazielen in Einklang zu bringen – und ob die Energiewende auf der Insel tatsächlich gelingt.


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